Sonntags-Bericht
Vom Herumlaufen und einer Handvoll Büchern
Der Tag bisher war ganz okay. Ich bin geschlagene zweieinhalb Stunden durch die Stadt meines Vertrauens gelaufen, Wien, bei Januar-Sonne und letzten Schneeresten auf dem Asphalt. Es gab keinen besonderen Grund für mein Herumlaufen, außer das Sonntag ist vielleicht, und ich hab es so am liebsten. Herumlaufen, ohne ein bestimmtes Ziel. Ich hatte vorher darauf geachtet, mich gut zu kleiden (ich hatte es mir sogar am Vorabend vorgenommen) und deshalb fiel mir das Herumlaufen besonders leicht. Ich hatte ein Buch dabei (für alle Fälle), das in meiner linken Westentasche steckte. Meine linke Hand passte gerade eben noch dazu.
Während ich herumlief, fiel mir ein, dass ich diese Stadt bald verlassen werde. Es ist noch längst nicht die Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen, und so kam auch keine Wehmut in mir auf. Ich nahm nur zur Kenntnis: allzu oft wirst du nicht mehr durch diese Straßen laufen.1
Diese Straßen. Die Lerchenfelder Straße zum Beispiel. Ich bin sie heute ganz hinunter gelaufen. Zu dieser Jahreszeit ist das kein großartiges Ereignis, jedenfalls wenn man das Ereignis rein äußerlich betrachtet. Alles ist sehr trist. Aber auch innerlich passierte in mir nicht viel. Ich sang vor mich hin, ließ mich auch von entgegenkommenden Passanten nicht stören, nur ein paar Mal, wenn mir Männer und Frauen in einem Alter entgegen kamen, das dem meinen augenscheinlich entsprach. Ich erinnerte mich ein paar Mal daran, dass ich mich schon freier gefühlt hatte in meinem Leben.
Ich ging an vielen Läden vorbei, die wunderschöne Dinge ausstellen. Tatsache ist: es ist Sonntag und jeder dieser Läden hatte geschlossen, was aus zweierlei Gründen ein glücklicher Umstand ist. Erstens: ich habe kein Geld um irgendwelches Zeug zu kaufen, das schön ist, oder einfach sehr cool, oder praktisch. Mir passiert es aber immer wieder, dass ich Dinge kaufe, zu denen ich das Geld nicht habe. Und dann stelle ich oft fest, dass das Geld doch reicht (ich halte keine Buchführung und ich lebe in einem konstantem Gefühl von Mangel, was meine finanzielle Situation betrifft). Zweitens: ich ziehe bald aus meiner Wohnung aus und das heißt, dass ich ganz sicher keine neuen Dinge brauche, sondern stattdessen alte Dinge verschenken sollte. Zum Beispiel mein Sofa. Vielleicht sollte ich einfach alles verschenken. Das wäre eigentlich eine prima Sache. Vielleicht fühle ich mich dann etwas freier. Nur meine Bücher bleiben. (Meine Bücher sind so etwas wie ein Schatz für mich. Ich ahne, dass das daran liegt, dass mir also am materiellen Wert eines Buches überhaupt etwas liegt, dass der Inhalt eines (guten) Buches längst in das Geistige hineinragt).
Stichwort Bücher: Ich kam insgesamt an drei öffentlichen Bücherschränken vorbei (Stiftgasse, Westbahnstraße & Siebensterngasse). Einziger Fund: Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes (1983, suhrkamp Taschenbuch), wunderschön geblichen, sehr anschaulich. Landete in der Westentasche. Meine linke Hand passte nun nicht mehr dazu.
Ich kehrte schließlich ein und zwar in ein Café, dessen Namen ich nicht nennen werde. Das besagte Café zeichnet sich dadurch aus, dass es eine ziemlich gute und breite Auswahl von Büchern ausstellt, die man an Ort und Stelle, vorzugsweise zu einem Kaffee, sozusagen „anlesen“ und schließlich auch kaufen kann. Es war (wie immer) ziemlich voll. Das Vorgehen ist dann, wenn man nicht sofort einen freien Platz auf einem der Sofas oder Sessel findet, wie folgt: man studiert ein wenig die neu ausgestellten Bücher, lässt sich von Buchumschlägen zum Zugreifen anregen, blättert herum, liest Klappentexte und immer wieder auch den ersten Satz eines Buches (es gibt gute Gründe anzunehmen, der erste Satz eines Buches sei der wichtigste), und hält dabei in aller Seelenruhe die Sofa-, Sessel- und Tischlandschaft im Blick, stets bereit, sollte sich jemand (die Jacke überwerfend) an einem der Tische erheben.
Ich hatte gerade Thoreau herausgegriffen: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Nie etwas von ihm gelesen, einiges über ihn gelesen. Vielleicht sollte dieser Essay mir eine erste Begegnung mit dem Mann eröffnen. Der Titel versprach viel, jedenfalls sprach er mich an. Nicht nur mich im Übrigen, denn eine Frau hatte mir unterdessen über die Schulter geblickt und, als ich ihren Blick bemerkte, begonnen, mir wohlwollend zuzunicken. «Gut, dass sie das lesen», sagte sie zu mir. «Finden Sie?», fragte ich (offensichtlich fand sie das, ich hatte keinen Grund, etwas anderes zu vermuten - aber so eröffnet man Gespräche, so viel weiß ich). «Ja, erleb ich nicht so oft, dass junge Menschen so etwas lesen.» Für einen Moment fragte ich mich da, an welchen Stellen ihres Lebens diese Frau in Begegnung mit jungen Menschen kommt. «Es geht ja nicht gerade in die richtige Richtung», sagte sie (wobei sie das «richtige» wie «richtje» aussprach; ein deutliches Zeichen dafür, dass sie aus Deutschland und nicht aus Österreich kommt, ohne dass ich genau erklären könnte, warum ich mir da sicher bin.) «Ja», murmelte ich. Ich hatte demgegenüber rein gar nichts einzuwenden und doch kam es mir vor, als würde sie etwas anderes meinen, als ich es doch eigentlich meinte, wenn ich zu einem Büchlein mit dem Titel Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat griff. Wir sprachen dann für einige Minuten (es waren schätzungsweise acht) zu verschiedenen kulturellen und politischen Phänomenen der Gegenwart. Obwohl wir einander zumeist bestätigend zunickten und uns sozusagen ohne ein Anzeichen von Meinungsverschiedenheit den Ball hin und her spielten, wurde ich das Gefühl nicht los, dass wir Verschiedenes meinten.2
Ich fand dann einen Platz auf einem Sessel. Las etwas Thoreau. Legte Thoreau weg. Las etwas Hartmut Rosa (Situation und Konstellation, brandneue Veröffentlichung). Legte Rosa weg. Bestellte einen Cappuccino. Schräg gegenüber an den Tisch setzte sich eine junge Frau auf das Sofa. Schaute mich flüchtig an. Dann begann sie in ihr Büchlein zu schreiben, wahrscheinlich einfache Notizen oder Tagebuch.
Ich fragte sie später nach einem Stift (es war nicht einmal eine öde Taktik, sondern aufrichtig), damit ich einige Stellen in dem Alice Miller-Buch unterstreichen könnte. Sie sprach kein Deutsch, wie sich herausstellte. Ich war kurz aus der Bahn geworfen. Sie zum Glück auch, sie war einigermaßen schnell rot im Gesicht geworden, nachdem ich sie angesprochen hatte. Sie hatte nur einen Stift (den sie selber brauchte), empfahl mir aber, vorne an der Bar zu fragen. An der Bar hatten sie einen Stift. So konnte ich folgende Stelle unterstreichen:
Nach der vorherrschenden Meinung müßten diese Menschen - der Stolz ihrer Eltern - ein starkes und stabiles Selbstbewußtsein haben. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Alles, was sie anpacken, machen sie gut bis hervorragend, sie werden bewundert und beneidet, sie ernten Erfolg, wo es ihnen immer wichtig ist, aber alles das nützt nichts. Dahinter lauert die Depression, das Gefühl der Leere, der Selbstentfremdung, der Sinnlosigkeit ihres Daseins - sobald die Droge der Grandiosität ausfällt, sobald sie nicht »on top« sind, nicht mit Sicherheit der Superstar, oder wenn sie plötzlich das Gefühl bekommen, vor irgendeinem Idealbild ihrer selbst versagt zu haben. Dann werden sie gelegentlich von Ängsten oder schweren Schuld- und Schamgefühlen geplagt. Was sind die Gründe einer so tiefen narzißtischen Störung bei diesen begabten Menschen? (Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes, S. 20)
Ich kam während meiner Zeit im Café immerhin soweit mit dem Buch, dass sich herausstellte, dass Frau Miller die Gründe einzig und allein in der Kindheit und der Sozialisation (Schwerpunkt: Eltern, insbesondere die Mutter) des Betroffenen sucht. Und so wurde das Buch recht bald schon wieder uninteressant, auch wenn die zuvor aufgeworfene Frage nach dem Grund für die narzisstische Störung mich zuerst verdammt neugierig gemacht hatte.
Als ich Alice Miller und Das Drama des begabten Kindes schließlich weglegte, machte ich mich nochmals auf die Suche nach einem Buch. Ich wurde fündig. Es ist mehr ein Büchlein und vielleicht war es tatsächlich das Format des Büchleins (es hat die Größe eines Reclam-Heftes), das mich letztlich dazu brachte, es zu kaufen: Paul Kingsnorth, Dunkle Ökologie (Originaltitel: Dark Ecology, 2017). Ein sehr kurzer Essay. Auch von Kingsnorth hatte ich bis heute nichts gelesen, außer Ausschnitte und einige Kritiken zu seinem letzten Buch Against the Machine (2025). Mir war das dann lieber als Thoreau; Kingsnorth ist Zeitgenosse, soweit ich weiß gnadenlos konsequent in seiner Analyse der ahrimanischen Gefahr (Ahriman hier als Synonym für das, was Kingsnorth als Machine bezeichnet), und Namensvetter.
Ich las für den Rest meiner Zeit im Café in dem kleinen Heftchen, kam aber nicht sehr weit, weil ich einen heftigen Hunger zu verspüren begann. Ich zahlte also meinen Cappuccino (plus ein wenig Trinkgeld), plus ein neues Notizbüchlein und den Kingsnorth-Essay (insgesamt 29,30€) und machte mich auf den Heimweg.
In der U-Bahn verflogen leise Zweifel betreffend meiner Entscheidung, aus Wien wegzugehen.
Rudolf Steiner sagt, es erkräftet den Willen, wenn man den Tag in Gedanken Revue passieren lässt.
Mir fällt seit einiger Zeit verstärkt auf, dass ich mich selbst mit „Du“ anspreche. Mir macht das zu schaffen. Ich meine, es beschäftigt mich. Der Punkt, der mir keine Ruhe lässt, ist, dass ich mich als etwas äußeres anspreche. „Du“. Das ist alles andere, außer Ich. Das ist mein Spiegelbild, ganz bildlich gesprochen.
Ich vermute keine Schizophrenie, das hat mit Schizophrenie überhaupt nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: das ist furchtbar üblich in der Welt, dieses Verhältnis zu mir selbst als etwas äußeres. Und ich ahne nur, wie unvorstellbar, geradezu göttlich schön und furchteinflößend zugleich, meine Beziehung zu mir selbst sein könnte, wenn ich nur vermochte, in das Innere meiner Selbst einzudringen und mir selbst zu begegnen.
Das Gefühl, dass wir Verschiedenes meinten, ist noch immer in mir. Es stellt sich heraus, dass es vielmehr ein Misstrauen ist, das ich fühle, als dass ich eine tatsächliche Weltanschauungsverschiedenheit wahrnehme. Das macht mich traurig und nachdenklich. Bin ich also wirklich so misstrauisch? Jetzt denke ich, dass wir eben bloß allzu oberflächlich über etwas gesprochen haben, das nur oberflächlich nicht zu besprechen ist. Denn es ging ja wohl um etwas, das uns sehr nahe geht. Wahrscheinlich meinten wir doch sehr wohl dasselbe. Nämlich, dass wir uns nach Gerechtigkeit und nach Liebe in den Herzen sehnen, und dass wir schreien wollen, um wenigstens in bitterlicher Annäherung unsere Fassungslosigkeit auszudrücken, die wir im Angesicht der Zustände empfinden.


Schön, dass du uns einfach mal an so einem sonntäglichen Spaziergang teilhaben lässt. Wien mochte ich nicht, aber eigentlich mag ich generell Städte nicht sonderlich, und je größer desto schlimmer ;) Insofern gratuliere ich dir zum Entschluss, es zu verlassen. Ich hoffe, es geht nicht nach New York oder Tokyo?
Thoreau (genau das Buch, war von Diogenes glaub ich) hatte ich als Jugendlicher mit hohen Erwartungen bestellt und gelesen und ich kann nur sagen, dass ich mich an fast nichts erinnere, was zeigt, dass es mich nicht beeindruckt hat, denn sobald mich etwas interessiert habe ich eigentlich ein recht gutes Gedächtnis. Das einzige Detail, das mir hängen geblieben ist, war, dass für T. Ziviler Ungehorsam vor allem darin zu bestehen schien, seine Steuern nicht zu zaheln ;)
Kingsnorth kann sehr gut schreiben. (Ich hab sein Against the Machine gelesen, werde vllt demnächst mal dazu etwas schreiben.) Er analysiert und synthetisiert sehr gut, was andere Kulturkritiker vor ihm so gedacht haben und er beschreibt sehr gut die politischen Dynamiken, die in einer Polarität bleiben (wie rechts vs. links), was beides nicht zielführend ist. Er eröffnet also den Gedanken der Dreigliederung bei Steiner, ohne direkt an Steiner anzuknüpfen. Was er gar nicht thematisiert, was ich aber eigentlich sehr interessant fände, ist, wie er eigentlich zum orthodoxen Christentum gekommen ist.
Worum geht es denn in Dark Ecology?
Liebe Grüße aus dem beschaulich-ländlichen La Calamine. Die Sonne scheint gerade sogar.